84, Charing Cross Road – Helene Hanff

von Deborah von mirgetreu

Ein kompakter, feiner Briefroman, der vor allem durch seine Gegensätze besticht. Die Amerikanerin Helene Hanff erzählt in „84, Charing Cross Road“ die wahre Geschichte einer außergewöhnlichen Brieffreundschaft.

1949: Auf der Suche nach günstiger, englischer Literatur schreibt Helene Hanff das Londoner Antiquariat „Marks & Co“ an. Es entsteht eine über 20 Jahre andauernde Korrespondenz zwischen ihr und dem Buchhändler Frank Doyle, deren Briefe eine bunte Mischung aus Alltag und Buchbestellungen sind. Zunächst einmal treffen hier zwei sehr unterschiedliche Mentalitäten aufeinander. Die selbstbewusste Amerikanerin Helene, die ihrem Buchhändler auch gerne mal ohne freundliche Anrede ihre Meinung geigt, trifft auf Gentlemen Frank, der mit seiner typisch britischen vornehmen Zurückhaltung brilliert. Zwei Welten, so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Doch eines verbindet beide: die Liebe zur Literatur. Und so bestellt Helene im fernen London ein Essay nach dem anderen, beschwert sich über die mangelnde Qualität amerikanischer Literatur und sehnt sich stets nach Neuigkeiten aus dem Antiquariat. Über die Jahre entsteht auch ein Briefverkehr mit anderen Mitarbeitern und selbst der Ehefrau Doyles – doch der einzig wahre Brieffreund bleibt Frank.

“Habe ich Ihnen erzählt, dass ich endlich das perfekte Papiermesser gefunden habe? Ein Obstmesser mit Perlmuttgriff. Meine Mutter hat mir ein Dutzend davon hinterlassen, eines davon steht zusammen mit den Stiften in einem Becher auf meinem Schreibtisch. Vielleicht verkehre ich ja mit den falschen Leuten, aber ich werde wahrscheinlich nie zwölf Gäste haben, die bei mir herumsitzen und gleichzeitig Obst essen.” (S. 129)

Da ich selbst gerne Antiquariate besuche und auch online gerne unzählige Stunden auf der Suche nach alten Schätzen verbringe, traf dieser Roman bei mir genau ins Schwarze. Antiquariate strahlen für mich Gemütlichkeit aus, sind meistens etwas unorganisiert und laden vielleicht auch genau deswegen dazu ein, blind Bücher aus den Regalen zu ziehen und darin zu schmökern. Der Geruch alter Bücher, viel gelesener Geschichten, die zum Teil schon hunderte Jahre alt sind… all das fasziniert mich und lässt mich schon wieder wohlig seufzen. Auch die Form des Briefromans steht bei mir hoch im Kurs. Besonders dieser Roman ist wirklich sehr schnelllebig geschrieben. Innerhalb kurzer Zeit hatte ich Helenes und Franks Briefe gelesen und mir schließlich auch die Verfilmung „Zwischen den Zeilen“ zu Gemüte geführt. Auch wenn es mehr Briefe hätten sein können (die Zeitsprünge und fehlenden Antworten dazwischen haben mich zum Teil verwirrt), ist es doch sehr unterhaltsam geschrieben.

Bei meinem letzten Besuch in London wurde ich in einer Buchhandlung auf dieses Buch aufmerksam und machte mich dann auf zur Charing Cross Road in der ich tatsächlich auch ein Antiquariat besuchte. Eine kleine, feine Ausgabe von „Cranford“ von Elizabeth Gaskell, rund 80 Jahre alt, hat gemeinsam mit mir die Rückreise angetreten und wird sicherlich bald gelesen.

Ein kurzweiliger Briefroman, der nicht nur unterhaltsam, sondern gleichzeitig dank der vielen Buchtipps (hauptsächlich Essays) informativ war. Helene und Frank haben in mir definitiv die Liebe zu alter Literatur noch weiter verstärkt.

Originaltitel: 84, Charing Cross Road | Übersetzung: Rainer Moritz | Verlag: Atlantik
Seitenanzahl: 160 | Erscheinungsdatum: 13.11.2015

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