Der Garten über dem Meer – Mercè Rodoreda

von Deborah von mirgetreu

Ein Roman voll stiller Klänge, ungesagter Worte und einer melancholisch angehauchten Atmosphäre. „Der Garten über dem Meer“ von Mercè Rodoreda besticht vor allem durch dessen vornehme, gar elegante Form der Zurückhaltung. Im Vordergrund, wie ein Gemälde eines Sommertages unter der spanischen Sonne in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts, eine Momentaufnahme glücklicher Zeiten, welche mit den Jahren bis auf einzelne Erinnerungsfragmente verblasst.

Der Gärtner, der nicht namentlich genannt wird, gehört bereits zum Inventar des Hauses mit dem idyllischen Garten über dem Meer. Er stand bisher im Dienste mehrerer Besitzer und auch als die neuen Besitzer der Villa – das jung verheiratete Ehepaar Senyoreta Rosamaria und Senyoret Francesc Bohigas in die Villa einziehen – erledigt er seine Arbeit am Garten voller Hingabe. Obwohl die Bohigas’ nur ihre Sommer an diesem Ort verbringen, ist dem schon etwas älteren Gärtner trotzdem kein ruhiges und entspanntes Leben beschieden. Partys, die denen eines Gatsbys wahrscheinlich in nichts nachstehen, ein wilder Affe, ein Tigerbaby und auch die ein oder andere Liebestragödie. Auf seine alten Tage beobachtet er ingesamt sechs Jahre lang das Kommen und Gehen der Eheleute Bohigas mit deren Hausstand und Freunden. Durch diese Beobachterperspektive steht man ständig am Rande der Geschehnisse – nah und doch fern. Die eigentlichen Ereignisse bleiben so immer weit von uns entfernt und können oftmals nur durch die Gerüchteküche der Angestellten miterlebt werden. Das schafft zwar eine gewisse Neutralität, die Leidenschaft geht hierbei jedoch etwas verloren. Zwischen den Geschehnissen befinden wir uns stets im Garten, erfahren viel über Blumen und Pflanzen und können fast die Idylle des vom Gärtner geschaffenen Paradieses erahnen. 

“Sie hatte etwas, was ich nicht richtig erklären kann, ich bin ja Gärtner, und vor allem feine Dinge kann ich nicht gut ausdrücken… Selbst wenn wir Gärtner ein bisschen anders sind als andere Leute, weil wir mit Blumen arbeiten, so arbeiten wir doch auch mit der Erde. […] Aber bei ihr, ich meine, bei der Senyoreta, war es, als hätte man nur mit Blumen zu tun.” (S. 13)

Der Einstieg wurde mir durch die vielen Namen der Hausherren, Angestellte und Freunde erschwert, was sich jedoch rasch legte. Zur Mitte hin nahm das Buch richtig an Fahrt auf, eine Geschichte nahe des Fanatismus bahnte sich an und lies mich das Buch letztendlich in einem Rutsch durchlesen. Eine solche Geschichte aus den Augen von Angestellten zu erleben, hat stets einen besonderen Flair. Ich spielte oft mit den Gedanken, was so manche Bedienstete wohl über bekannte Persönlichkeiten zu erzählen hätten, wenn sie mal ein Buch darüber schreiben würden. Wie viele faszinierenden Geschichten und Skandale sich wohl hinter verschlossenen Türen in Palästen und Schlössern abgespielt haben müssen…

Fazit

Dieser Roman kommt mit wenig aus. Ruhige Töne, viele ungelebte Liebschaften und am Ende trotz des Abstands doch das Gefühl, etwas erlebt zu haben. Auch wenn sich der Anfang etwas zog, machten es die Zwischentöne wieder wett. Hier kommt es nicht auf die Geschichte an sich an, sondern auf das Drumherum.

Originaltitel: Jardí vora el mar | Übersetzung: Kirsten Brandt | Verlag: Berlin Verlag
Seitenanzahl: 240 | Erscheinungsdatum: 01.06.2016 (Originalausgabe 1967)

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