Der Gesang der Flusskrebse – Delia Owens

von Deborah von mirgetreu

North Carolina 1952. Als die sechsjährige Kya an einem frühen Morgen nur noch das weiße Kopftuch ihrer Mutter am Horizont erahnen kann und sich auch ihre Geschwister, eines nach dem anderen, von ihr und dem Marschleben lossagen, bleibt Kya lediglich ihr aggressiver und alkoholkranker Vater. Im Marschland North Carolinas lebte Kyas Familie bis dahin ein zurückgezogenes, einsames und doch einigermaßen, von den Wutanfällen ihres Vaters abgesehen, friedvolles Leben. Doch dann bricht das Familienbild in sich zusammen und sie muss, letzten Endes auch von ihrem Vater im Stich gelassen, um das nackte Überleben kämpfen. Parallel dazu springt die Geschichte in die Jahre 1969 und 1970 und rollt einen Kriminalfall vor dem Leser aus. Ein junger Mann aus der nahe gelegenen Stadt stirbt. War es ein Unfall oder doch eiskalter Mord? Wie hängt das Mädchen aus dem Marsch mit dem Verstorbenen zusammen?

“Manche Samenkörner ruhen und warten jahrzehntelang in der trockenen Erde, und wenn das Wasser endlich wieder heimkehrt, brechen sie durch den Boden und entfalten sich. Wunder und lebensnahes Wissen, das sie in der Schule nie gelernt hätte. Wahrheiten, die jeder kennen sollte, die aber scheinbar wie die Samenkörner irgendwie verborgen blieben, obwohl sie überall um sie herum offensichtlich waren.” (S. 146)

Außenseiterin. Sumpfpack. Marschmädchen. Kya wurde von den Bewohnern der Stadt ihr ganzes Leben lang gemieden und gehänselt. Bis auf wenige Ausnahmen ist Kya komplett auf sich allein gestellt und muss von klein auf für sich selbst Sorgen. Dennoch ist ein Heim für sie keine Option – was, wenn sich ihre Familie dazu entscheidet wieder zu kommen? Und würde sie dann jemals ihre geliebte Marsch wieder sehen? Als Leser begleiten wir Kya dabei, wie sie mit dem alten Boot ihres Vaters auf Erkundungstouren durch die Marsch fährt, die Natur und deren Bewohner erlebt und beschreibt und allmählich erwachsen wird. Tate, ein alter Freund ihres liebsten Bruders, bringt ihr das Lesen bei und schon bald wird aus der ungebildeten Kya eine aufstrebende Naturforscherin. Sie lernt immer mehr, was es heißt, auf sich allein gestellt zu sein und was Einsamkeit wirklich bedeutet. Intensive Momente werden mit Gedichten ergänzt und tragen so noch weiter zu der ganz besonderen Atmosphäre bei. Durch die detailreichen Schilderungen der Autorin war es ständig so, als könnte man die Marsch förmlich riechen. Als würde man die wilde Natur, die Tiere und das Tuckern des Bootsmotors selbst miterleben und sich mit Kya über jeden neu gefundenen Schatz aus dem Tierreich für ihre Sammlung freuen. Den parallel stattfindenden Kriminalfall fand ich zwar interessant, dennoch freute ich mich jedes Mal aufs Neue, wieder in die „Vergangenheit“ und somit Kyas Entwicklung zurückzugehen. Viel zu spannend war es, wie aus dem kleinen Mädchen eine so starke, bewundernswerte Frau werden konnte, die schon so viel in ihrem kurzem Leben ertragen musste. Auch wenn ich mir vorstellen kann, dass einige mit der Art der Protagonistin hadern, so fand ich es doch interessant, wie viel die Gesellschaft zur sozialen Entwicklung eines Menschen beitragen kann. Dass sie unter diesen Umständen nicht die größte Frohnatur ist, ist für mich daher verständlich. Und doch wurde ich am Ende etwas überrascht – und das rechne ich der Autorin hoch an.

Fazit

Dieser eindrückliche, dicht erzählter und atmosphärischer Roman konnte mich voll und ganz für sich einnehmen. Es gefiel mir sogar so gut – und das mache ich relativ selten – das ich es einige Tage mittendrin zur Seite legte, um die Beschreibungen der Natur und die bisher erzählte Geschichte Kyas, ganz auf mich wirken zu lassen. Erst dann genoss ich die mir verbliebenen Seiten in vollsten Zügen und wurde während der letzten Seiten wehmütig und traurig, dass dieser Ausflug in die unbekannten Weiten der Marsch – dort wo die Flusskrebse singen – nun vorüber war. Dieses Buch ist definitiv eines der besten Bücher, das ich bisher gelesen habe, und wird mich sicherlich noch einige Zeit in meinen Gedanken begleiten.

Originaltitel: Where the Crawdeads sing | Übersetzer: Ulrike Wasel und Klaus Timmermann | Verlag: hanserblau
Seitenanzahl: 464 | Erscheinungsdatum: 22.07.2019

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