Der Ozean am Ende der Straße – Neil Gaiman

von Deborah von mirgetreu

Düstere, märchenhaft erzählte Fantasy für starke Gemüter. „Der Ozean am Ende der Straße“ von Neil Gaiman erzählt die Geschichte des namenlosen Protagonisten in einer wahrlich schaurig schönen Geschichte.

Unser Protagonist befindet sich zu Beginn auf einer Beerdigung, der er in Erwartung unangenehmer Gespräche entflieht. Ziellos fährt er durch die Straßen, bis er vor dem ehemaligen Grundstück seiner Eltern steht – das Haus seiner Kindheit existiert jedoch schon lange nicht mehr. Seine Intuition führt ihn ein Stück die Straße hinunter bis zum alten Hof der Hempstocks. Er erinnert sich vage an die drei Bewohnerinnen, vor allem an die Freundin seiner Kindheit – Lettie – und begibt sich zum „Ozean“ am Ende der Straße. In Wahrheit ein trister Ententeich, welcher die Magie vergangener Tage innehat. Er erinnert sich. An die Tage seiner Kindheit. An die Geschehnisse, die so wundersam waren, dass er sich zwischen Traum und Realität wähnte. Der Namenlose blickt zurück auf sein siebenjähriges Ich. Ein Buchliebhaber ohne ernsthafte Freundschaften. Auf sein geliebtes Kätzchen, das nur kurz bei ihm verbleiben durfte und dann von einem unachtsamen Untermieter seiner Eltern durch einen Autounfall aus seinem Leben gerissen wurde. Das grausame Kindermädchen, welches ihn drangsalierte. Furchtbare Monster, die nach seinem Leben trachteten. Und an seine einzige Freundin Lettie. Doch was war wirklich passiert? War die fantastische Welt jenseits des Ozeans real gewesen?

“Manchmal, wenn meine Schwester nicht in der Nähe war, redete ich mit ihm, wobei ich fast schon erwartete, dass es mir mit menschlicher Stimme antworten würde. Aber das tat es nie. Was mir nichts ausmachte. Das Kätzchen war anhänglich und neugierig und ein guter Gefährte für jemanden, dessen siebter Geburtstag aus einem Tisch mit glasierten Keksen, Pudding, Kuchen und fünzehn leeren Klappstühlen bestanden hatte.” (S. 19)

Neil Gaiman erzählt in ausufernd langen Sätzen, welche mir im Übrigen sehr gefallen haben, ein modernes Schauermärchen. Illustrationen unterstreichen spannende Szenen, sodass surreale Situationen doch plötzlich sehr real erscheinen. Nicht nur einmal fragte ich mich, ob die Geschehnisse wirklich echt waren oder doch der blühenden Fantasie eines Kindes entsprangen.

Mit nüchternen Beschreibungen seiner Umwelt erzählt der siebenjährige Protagonist von seinem Abenteuer mit Freundin Lettie. Manchmal herrlich witzig, manchmal zutiefst beklemmend. Eindrücklich beschriebene und poetische Betrachtungsweisen von Erwachsenen – die, wie er später lernt, auch nur Kinder in erwachsenen Körpern sind – folgen auf wahr gewordene Kinderalbträume voll alter Magie. Ein interessanter Mix, der mich allerdings nicht immer einfangen konnte. Dieses Buch, welches mit 240 Seiten relativ kurz ist, lässt viel Raum für eigene Interpretationen. Auch wenn ich es mag, wenn die Fantasie angeregt und der Leser gefordert wird, wurden viel zu viele Dinge nicht richtig erklärt. Manchmal habe ich Stellen mehrfach gelesen, weil ich dachte, dass ich etwas übersehen hatte. Das Ende hingegen empfand ich als überaus passend und glättete jegliche Wogen.

Fazit

Ein Buch, welches ich in einem Rutsch durchlesen und in großen Teilen genießen konnte. Das war jedoch hauptsächlich dem Schreibstil und der hervorragenden Beobachtungen des jungen Protagonisten geschuldet. Inhaltlich eher beklemmend und nervenaufreibend. Dazu muss ich aber auch sagen, dass Gruselgeschichten einfach nicht meins sind. Dass der Autor jedoch seinen zweiten Wohnsitz auf der Isle of Skye hat (meine Lieblingsinsel!), macht ihn mir doch zugegebenermaßen überaus sympathisch.

Originaltitel: The Ocean at the End of the Lane | Übersetzung: Hannes Riffel | Verlag: eichborn
Seitenanzahl: 240 | Erscheinungsdatum: 08.10.2014

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