Die Sehnsucht des Vorlesers – Jean-Paul Didierlaurent

von Deborah von mirgetreu

Klappentext

„Guylain Vignolles liebt Bücher und hasst seinen Job in einer Papierverwertungsfabrik. Darum liest er jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit im Regionalzug um 6 Uhr 27 laut ein paar Seiten vor, die er am Tag zuvor der Schreddermaschine entrissen hat: sein ganz persönlicher Akt der Rebellion gegen die Vernichtung von Literatur. Eines Tages entdeckt er im Zug einen USB-Stick, auf dem das Tagebuch einer jungen Frau gespeichert ist. Tief bewegt liest er nun ihre Geschichten vor – und der Zauber springt auch auf die Mitreisenden über. Viel wichtiger aber noch: Die Geschichten verändern Guylains Leben von Grund auf. Er muss diese Frau finden.“ (Quelle: dtv)

Mein Eindruck

Guylain Vignolles ist ein Niemand. Ein Schatten eines Mannes, der Tag für Tag das machen muss, was ihn am meisten anwidert: Er ist Maschinenführer einer Papiervernichtungsanlage und hegt eine große Leidenschaft für Bücher. Daher klettert er jeden Abend in den Bauch der Maschine und rettet ein paar unbeschädigte lose Seiten von den verschiedensten Büchern, die das „Monster“ übersehen hat. Wie eine Art Rebellion gegen seinen Job liest er diese zusammenhanglosen Seiten am nächsten Tag in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit vor und schafft es damit, die Menschen in seiner Umgebung ganz tief zu bewegen. Als er eines Tages ein Tagebuch, das als Dokument auf einem USB-Stick gespeichert ist, in der Bahn findet, beschließt er die Verfasserin ausfindig zu machen. Denn diese geschriebenen Zeilen wecken in Guylain Gefühle, die ihm bis dahin gar nicht bekannt waren…

Noch immer bin ich vom Zauber dieses Buches völlig eingenommen. Jean-Paul Didierlaurent gelingt es mit „Die Sehnsucht des Vorlesers“ ein Buch voller Magie zu erschaffen und konnte mich als Leserin vollkommen einnehmen. Rückblickend gesehen, verbinde ich mit dem Gedanken an dieses Buch auch dieses typische französische Flair, das ich von Seite zu Seite gespürt habe. Mit der, für Frankreich typischen Akkordeonmusik im Hinterkopf, konnte ich mir Guylain Vignolles gleich viel besser vorstellen und fand die Umschreibung seiner Person einfach großartig. Diese Figur wurde mit jeder Zeile noch bunter und lebendiger und beeindruckte mich nachhaltig mit dessen Handlungen und Gedankengängen. Zunächst einmal betritt man die düstere Handlungsumgebung, in der Guylain sein tristes Leben führt. Kein erstrebenswerter Zustand für einen Mann mittleren Alters. Noch dazu mit einem Job, den er hasst. Doch er schafft es, einen lichten Moment in all dieser Trübseligkeit zu erschaffen: seine 20 Minuten am Morgen, an denen er eigentlich eher für sich allein, die übrig gebliebenen Seiten von den vernichteten Büchern vorliest. Und das Tag für Tag. Diese traurige Routine wird eigentlich nur noch davon gekrönt, dass er Abends seinem Goldfisch von seinem Tag und seinen schrecklichen Arbeitskollegen erzählt. Doch als er den USB-Stick findet, ändert sich alles für ihn und es fühlt sich an, als würde er von Seite zu Seite mehr Farbe bekommen. Als wäre die U-Bahn, das Leben nun nicht mehr grau in grau, sondern würde in einem ganz anderen Licht erstrahlen.

„Um einen Krieg in seiner ganzen Dimension zu verstehen, Julie, muss man sich die Verletzungen der Soldaten ansehen, nicht die Fotos der Generäle in ihren frisch gestärkten, gebügelten Uniformen.“ (S. 118)

Mir gefiel vor allem die schön passiv gehaltene Liebesgeschichte, die sich niemals in der Vordergrund drängte und auf der auch nicht der Fokus lag. Es war eher das ganze Zwischenmenschliche, das Guylain an eigenem Leibe erfährt. Die kleinen Winzigkeiten des Lebens, die es plötzlich lebenswert erscheinen lassen. Diese haben dem Buch einen besonderen Flair verliehen, der einen beim Lesen angenehm überrascht und danach lächelnd die letzte Seite zuschlagen lässt.

Fazit

Ein wunderbares Buch, das mich mit seinem besonderem Charme ganz für sich gewinnen konnte. Zwar war ich etwas traurig, dass diesem Glück nur knapp 220 Seiten vergönnt waren – so gerne hätte ich noch weitergelesen und ein wenig länger in Guylains Leben verweilt. Dennoch fühlte es sich einfach nur richtig an. Als hätte auch nur eine weitere Seite die Magie des Buches zerstört.

Original Titel: Le liseur du 6h27 | Verlag: dtv | Übersetzer: Sonja Finck | Format: Borschiert | Seitenanzahl: 224
ISBN: 978-3-423-26078-7 | Erscheinungsdatum: 09.2015

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