Die Zusammenarbeit zwischen Verlag und Blogger – Teil 1 mit Ute Nöth vom Hoffmann und Campe Verlag!

von Deborah von mirgetreu

Auf der Frankfurter Buchmesse 2015 habe ich mehrere Pressereferenten bzw. Bloggeransprechpartner zu dem Thema „Die Zusammenarbeit zwischen Verlag und Blogger“ interviewt. Mich hat vor allem interessiert, wie Verlage uns Blogger wahrnehmen, wie sie sich eine gute Zusammenarbeit vorstellen und welchen Wert Blogs in ihren Augen haben. Entstanden sind interessante Interviews, die ich euch nun nach und nach präsentieren möchte.

Den Anfang macht Frau Nöth vom Hoffmann und Campe Verlag!

Hallo Frau Nöth! Erzählen Sie doch mal etwas über sich und wie Sie den Weg in die Verlagsbranche gefunden haben.

Ute Nöth, Hoffmann und Campe

Dass ich was mit Büchern machen wollte, war mir eigentlich schon immer klar. Deshalb war für mich folgerichtig die erste Station meines Berufslebens auch eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Danach habe ich in Leipzig Verlagswirtschaft studiert und anschließend bei Books on Demand im Selfpublishingbereich gearbeitet. Ich war dort sieben Jahre, anfangs im Marketing, danach als Pressesprecherin und später für das Thema Online-Marketing zuständig und bin im Anschluss daran in die Zeitschriftenbranche gewechselt. Dort habe ich gemerkt, wie mir die Buchbranche fehlt. Ich wollte nicht Diener zweier Herren sein, gleichzeitig Leser ansprechen und Werbeumfelder für Anzeigenkunden schaffen. Außerdem wurde mir klar, dass es wohl kaum eine Branche gibt, in der man auf nettere und interessantere Menschen trifft. Für mich ist es also ein großes Glück, nun seit fast fünf Jahren für den Hoffmann und Campe Verlag tätig zu sein und mich dort um verschiedene spannende Digitalprojekte zu kümmern – und das in der schönsten Stadt der Welt! Sei gut 15 Jahren lebe ich in Hamburg und lese persönlich gerne israelische Literatur und deutsche Literatur der Gegenwart.


Mit wie vielen Bloggern arbeiten Sie zusammen. Gibt es ein bestimmtes Genre unter den Bloggern, das besonders oft gelesen wird?

Wir haben eine Datenbank mit rund 250 Bloggern, mit denen wir bisher zusammengearbeitet und die Rezensionsexemplare von uns erhalten haben. Diese Blogger haben wir kategorisiert und mit bestimmten Schlagworten versehen – und natürlich auch nach ihrer Relevanz eingeteilt. Es gibt Blogger, die bei ganz konkreten Themen wichtig sind, oder Blogger, deren Interessen und unser Programm eine hohe Schnittmenge aufweist und die gleichzeitig eine relevante Reichweite erzielen. Daraus ergeben sich etwa 30 Personen, mit denen wir im intensiven Austausch stehen. Da unser Programm eher literarisch ist, arbeiten wir in der Hauptsache mit Literaturbloggern. Ich tue mir also schwer von unserem Programm auf allseits beliebte Genres zu schließen.


Wie stellen Sie sich eine gute Zusammenarbeit zwischen Verlag und Blogger vor und haben Sie mit Bloggern schon positive Erfahrungen gemacht?

Uns ist es wichtig, die Blogs zu kennen und zu wissen, wer dahintersteckt und warum derjenige überhaupt bloggt. Wie viel Zeit hat der Blogger, was sind seine Leidenschaften, macht er gerne bei Aktionen mit und was sind seine Lieblingsbücher. Und natürlich haben wir sehr viele positive Erfahrungen gemacht! Blogger machen eine tolle und auch wichtige Arbeit für Verlage und Autoren, denn sie sprechen andere Zielgruppen viel direkter an. Wenn eine Bloggerin oder ein Blogger schreibt „Lest das, das ist toll!“, dann kann das viel unmittelbarer und vermutlich auch überzeugender sein, als eine Besprechung in einem Magazin. Gute Gründe also für Blogger, selbstbewusst und auf Augenhöhe mit den Verlagen zu kommunizieren. Allerdings wünschen wir uns im Gegenzug auch eine Form der Professionalität. Wir erwarten möglichst kontinuierliches Engagement und auch Rückmeldungen. Es melden sich Blogs, die erst ein paar Rezensionen geschrieben haben oder nur sehr rudimentäre Rezensionen veröffentlichen – da können wir noch nicht erkennen, dass da ein langer Atem, Ernsthaftigkeit, glaubwürdige Leidenschaft und damit letztendlich auch Reichweite dahinter steckt. Wir haben übrigens nichts gegen Verrisse, im Gegenteil. Wir wissen und wollen, dass Blogs glaubwürdig sind – und das ist auch gut so!


Kooperieren Sie nur mit reinen Buchblogs oder auch mit Blogs anderer Themenbereiche?

Uns ist die Reichweite, Resonanz und Passgenauigkeit der Blogs wichtig. Die Blogs, mit denen wir eng zusammenarbeiten sind Buchblogger. Aber es gibt zwischendurch natürlich auch immer wieder Blogs wie z.B. Reise-, Lifestyle- oder Foodblogs, die von uns genauso bedient werden.


Haben Sie auch schon negative Erfahrungen mit Bloggern machen müssen?

Ich finde die Arbeit mit den Bloggern als extrem bereichernd, weil ich dadurch täglich mit leidenschaftlichen Lesern in Kontakt komme, die ihre Blogs mit außerordentlich viel Engagement betreiben. Aber klar, manchmal hat man auch den Eindruck, dass Blogs nur aufgesetzt werden, um kostengünstig an Bücher zu kommen. Und manchmal hat man es mit einer Dreistigkeit zu tun, die einen dann schon ein bisschen erstaunt, wenn zum Beispiel ein eben erst und lieblos aufgesetzter Blog gleich das halbe Programm als Rezensionsexemplar bestellen will. Wenn ein uns unbekannter Blog mit uns zusammenarbeiten möchte, dann sollte die Seite mindestens über einen Zeitraum von einem halben Jahr ernsthaft betrieben werden und es sollte ersichtlich sein, dass der Blog auch eine gewisse Reichweite hat und Resonanz erfährt. Das können wir zwar nicht 1:1 nachverfolgen, aber man bekommt schon ein Gefühl dafür. Wir prüfen, ob es eine Facebookseite gibt, einen Twitter- oder Instagram-Account oder ob der Blogger auf Lovelybooks aktiv ist. In der Zwischenzeit gibt es da ganz gute Übersichten, zum Beispiel die Bloggerliste von Tobias von Lesestunden. Und letztlich erkennt man oft auch auf den ersten Blick am Blogdesign, ob sich der Blog für ein bestimmtes Buch eignet.

Buecher HoCa

Wie sieht für Sie eine gute Rezension aus. Haben Sie da bestimmte Anforderungen?

Festgelegte Anforderungen haben wir nicht. Ich finde, das versteht sich eigentlich von selbst, dass es darum geht, nicht nur den Inhalt wiederzugeben sondern auch die eigene Leseerfahrung und Meinung einzubringen. Wir kriegen hin und wieder Anfragen von Portalen, bei denen am Ende nur der Klappentext leicht verändert zu lesen ist. Da versenden wir ungern ein weiteres Rezensionsexemplar. Denn was wir an Blogs so besonders schätzen ist eine klare, personalisierte Meinung. Ich finde es zum Beispiel gut, dass sich viele Blogs auf ein Fünf-Sterne-System festlegen. Das kann, im Gegensatz zum Feuilleton, eine Richtung aufzeigen. Die klassische Literaturkritik wiegt eher das Für und Wider ab und ist natürlich absolut unabdingbar für uns als Verlag. Ich habe aber den Eindruck, Blogs oder besser, die Personen hinter den Blogs, lösen klarere, ich sage mal, Kaufimpulse aus, weil sie sich festlegen. Das schätze ich sehr. Noch ein anderer Aspekt, der bei Buchrezensionen immer mehr an Bedeutung gewinnt, ist die visuelle Inszenierung. Ästhetische und liebevoll arrangierte Fotos von Büchern tragen immer offensichtlicher auch zu deren Wahrnehmung bei.


Sie haben ja vorhin schon das Thema „Verriss“ angesprochen. Wie gehen Sie mit negativen Rezensionen um? Ist man dann vielleicht ein bisschen böse auf den Blogger oder versucht man es nachzuvollziehen?

Natürlich findet man es im ersten Moment schade und es fühlt sich ein bisschen wie eine Zurückweisung an, denn unsere Bücher sind uns eine Herzensangelegenheit. Aber das ist nur dieser erste kurze Moment. Wir sind ja auch professionell in unserem Job und wenn der Verriss nachvollziehbar hergeleitet ist, dann stärkt es die Glaubwürdigkeit des Blogs mehr, als wenn dort immer nur fünf Sterne vergeben werden. Und das ist ja auch in unserem Sinn. Und deshalb hier auch noch eine Art Appell: Liebe Bloggerinnen und Blogger, schreibt auch negative Rezensionen! Verlage können damit umgehen und der Blog wird auch beim nächsten Mal wieder ein Rezensionsexemplar erhalten. Wir kündigen niemandem wegen einer begründeten Kritik die Zusammenarbeit. De facto muss ich aber sagen, haben wir wenig mit negativen Rezensionen zu tun, weil die Blogger von vornherein Titel besprechen, die sie ansprechen.


Lesen Sie auch in Ihrer Freizeit Blogs und holen sich dort Buchtipps?

Natürlich! Aber es ist immer seltener der Fall, dass ich meine liebsten Blogs direkt ansteuere, sondern statt dessen via Social Media verfolge. Ganz früher hatte ich meine circa zehn Blogs in meinen Lesezeichen, die ich – immer wieder – der Reihe nach durchgegangen bin und mich festgelesen habe. Später über RSS und Bloglovin, jetzt bin ich passiver geworden und lese meistens nur das, was in meine Timeline gespült wird, was mich, wenn ich so darüber nachdenke, eigentlich ärgert.


Wie beeinflussen Blogs Ihrer Meinung nach die Buchbranche?

Ich glaube, dass 2015 auf der Leipziger Buchmesse und mit der Bloggerlounge ein Umdenken in größerem Stil eingesetzt hat. Wir arbeiten, wie viele andere Verlage auch, zwar schon länger mit Bloggern zusammen, aber die Bedeutung der Blogs für Verlage ist im letzten Jahr deutlicher spürbar geworden, man merkt das zum Beispiel an den vielen Bloggerempfängen auf den Messen. Früher stand, vielleicht zurecht, die Frage im Raum, ob sich Blogger eigentlich nur gegenseitig lesen. Wenn man sich aber heute die Reichweite vieler Blogs anschaut, erkennt man eine nachhaltige Reichweite. Bei der Suche nach Büchern im Netz stößt man häufiger auf Blogrezensionen als auf die Rezensionen in den Feuilletons, die zum Teil gar nicht im Netz zu finden sind. Blogger verteilen die Rezensionen oft zusätzlich noch in Onlineshops, auf Lovelybooks und so weiter und sorgen so für eine breite Streuung und dafür, dass ihre Meinung zu einem Buch da ankommt, wo sie Wirkung entfalten kann. Das finde ich toll und die Verlagsbranche reagiert mit vielseitigen Angeboten für Blogger.


Nun noch eine Frage zum Abschluss: Was ist Ihr momentanes Lieblingsbuch aus dem Verlag?

Sie stellen aber schwierige Fragen! Sagen wir mal, das Buch das mir derzeit am meisten am Herzen liegt, ist „Der Hut des Präsidenten“ des französischen Autors Antoine Laurain. Nachdem sein erstes Buch „Liebe mit zwei Unbekannten“, das übrigens auch bei besonders vielen Bloggerinnen und Blogger auf große Begeisterung stieß, schon sehr bezaubernd war, ist der neue Roman noch gelungener. Perfekte und charmante Unterhaltung auf hohem Niveau, ein Buch, das ich eigentlich ausnahmslos jedem empfehlen kann. Unter dem Hashtag #HutUP haben wir dazu übrigens auch gerade eine schöne Bloggeraktion umgesetzt!

Vielen Dank Frau Nöth für das informative Interview!

Wie hat euch dieses Interview gefallen? Habt ihr nun klarere Vorstellungen, was die Erwartungshaltung eines Verlags an Blogger betrifft?

0 Kommentar
0

Mehr?

Einen Kommentar hinterlassen

* By using this form you agree with the storage and handling of your data by this website.

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Seite erklären Sie sich damit einverstanden. Weitere Informationen können Sie der Datenschutzerklärung entnehmen. Ich stimme zu Datenschutzerklärung