Die Zusammenarbeit zwischen Verlag und Blogger – Teil 2 mit Hilke Schenck vom Carlsen Verlag!

von Deborah von mirgetreu

Erst einmal muss ich mich für euer überaus tolles und positives Feedback für das Interview mit Ute Nöth vom Hoffmann und Campe Verlag bedanken. Ich hatte das Gefühl, dass meine Kommentarseite noch aus allen Nähten platzt – danke! Ich wollte euch nicht allen das Gleiche antworten, weswegen ich das hier jetzt allgemein mache:

Ich freue mich sehr, dass es so gut bei euch ankommt und hoffe, dass euch auch die weiteren Interviews ein Stück weit eure Fragen zur guten Zusammenarbeit zwischen Verlag und Blogger beantworten können! Jeder Verlag hat andere Punkte, auf die er vielleicht Wert legt und andere Ansichten, weswegen ich wieder sehr gespannt bin auf eure Reaktionen!

Weiter geht es mit Hilke Schenck vom Carlsen Verlag:

Hallo Frau Schenck! Erzählen Sie doch mal etwas über sich und wie Sie den Weg in die Verlagsbranche gefunden haben.

Gelesen habe ich schon immer gerne, weswegen ich während meines Germanistikstudiums nicht nur in einer Buchhandlung gearbeitet, sondern unter anderem auch ein Praktikum im Carlsen Verlag im Lektorat gemacht habe. Allerdings merkte ich schnell, dass man dort im besten Fall fünf Fremdsprachen beherrschen sollte – was ich nicht tue. Daher habe ich nach meinem Studium zunächst in einer Agentur für literarische Veranstaltungen angefangen und musste viel organisieren und koordinieren. Nach einiger Zeit fehlte mir der direkte Bezug zu Büchern und Texten und daher habe ich mich 2010 für eine Stelle bei Chicken House beworben und bin bei Carlsen gelandet. Da bin ich noch immer – mittlerweile in der Presseabteilung.


Mit wie vielen Bloggern arbeiten Sie zusammen. Gibt es ein bestimmtes Genre unter den Bloggern, das besonders oft gelesen wird?

Wir haben momentan einen Bloggerpool mit circa 800 Adressen. Da wir ein breit aufgestelltes Programm haben, schreiben uns ganz unterschiedliche Blogger: Manga-Blogger, Eltern-Blogs, die Bücher für Kleinkinder rezensieren usw. Viele der bei uns registrierten Blogger haben aber einen Schwerpunkt auf Fantasy und Romantik. Die Intensität der Zusammenarbeit ist dabei ganz unterschiedlich. Manche schreiben wirklich sehr regelmäßig und es besteht ein reger Austausch. Es gibt aber bestimmt auch ein paar „Karteileichen“. Mit der Zeit bekommt man ein Gefühl dafür, wer sehr aktiv ist und wer sich für bestimmte Themen interessiert.


Wie stellen Sie sich eine gute Zusammenarbeit zwischen Verlag und Blogger vor und haben Sie mit Bloggern schon positive Erfahrungen gemacht?

Im Idealfall sollte es ein Vertrauensverhältnis sein, bei dem man weiß, dass der Blogger nur die Bücher anfragt, die er auch wirklich lesen möchte und rezensiert. Es ist aber natürlich auch nicht schlimm, wenn mal ein Buch angefangen und dann doch zur Seite gelegt wird, weil es nicht gefällt. Schön ist eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe: Der Blogger hat Lust, die Rezensionen zu schreiben und sich im Zuge dessen auch ernsthaft mit dem Buch auseinandersetzen. Der Verlag freut sich, Rezensionen von begeisterten Vollblut-Lesern zu erhalten.


Haben Sie auch schon negative Erfahrungen mit Bloggern machen müssen?

Wir bekommen über 1000 Anfragen von Bloggern pro Jahr, die in unseren Rezensionsexemplar-Verteiler aufgenommen werden wollen. Darunter sind leider auch manche, die noch gar keinen Blog haben oder ihn erst seit wenigen Wochen betreiben und vor allem kostenlos Bücher erhalten wollen. Aus diesem Grund prüfen wir immer, wie ernsthaft der Blog betrieben wird und müssen leider auch oft Absagen geben, was definitiv keine schöne Aufgabe ist.

Hin und wieder gibt es Blogger, die nur den Klappentext abschreiben und lediglich zwei Zeilen persönliche Meinung hinzufügen. Kanäle wie Facebook oder Instagram verkomplizieren die Sache. Reicht es eine Facebook-Seite zu haben und Cover zu posten oder ist ein eigener Blog Voraussetzung, um Rezensionsexemplare zu erhalten? Bis man ein Muster und eine Entscheidungsstruktur entwickelt hat, die alle gleich behandelt, gibt es wieder einen neuen Trend. Da allen gerecht zu werden ist sehr schwer.

Wie sieht für Sie eine gute Rezension aus. Haben Sie da bestimmte Anforderungen?

Da ist der Kreativität keine Grenze gesetzt. Wichtig ist, dass man seine Meinung begründen kann (beispielsweise, dass der Charakter zu sehr an der Oberfläche bleibt, der Spannungsbogen abbaut oder die Geschichte unglaubwürdig wird). Schön ist eine gewisse Logik oder Stringenz und dass man merkt, der Verfasser hat sich vorher Gedanken gemacht und vertritt seine Meinung bis zum Schluss. Egal ob diese gut oder schlecht ist. Merkwürdig ist es, wenn Blogger viele kritische Punkte aufzählen und zum Schluss das Buch dann doch super bewerten. Das wirkt, als hätten sie etwas Angst klar und eindeutig zu schreiben „… und deswegen hat mir das Buch nicht gefallen!“.


Wie gehen Sie mit negativen Rezensionen um? Ist man dann vielleicht ein bisschen böse auf den Blogger oder versucht man es nachzuvollziehen?

Natürlich finden wir das immer schade. Aber selbstverständlich bekommt derjenige weder einen Vermerk noch keine Rezensionsexemplar mehr. Wir hoffen vielmehr, dass wir beim nächsten Mal vielleicht wieder ein Buch haben, das gefällt. Eine gute Begründung – für einen Verriss oder ein Lob – ist uns aber wichtig.


Wie beeinflussen Blogs Ihrer Meinung nach die Buchbranche?

Natürlich kann man wie bei jeder Presse- oder Marketingarbeit nie genau sagen, was der ausschlaggebende Funke für den Erfolg eines Buches war. Aber wir glauben, dass er bei einigen Titeln sehr wohl auf die große Zahl an Blogrezensionen zurückzuführen ist. Gerade die Titel der „Obsidian“-Reihe oder „Die rote Königin“ haben durch Blogger eine große Netzpräsenz erhalten. Im Fantasy und Romantasy-Bereich wird momentan enorm viel von Blogger geleistet – was großartig ist, da solche Bücher in anderen Medien nicht so viel Aufmerksamkeit erhalten. Blogger sind im Gegensatz zu professionellen Journalisten ja oft auch Leser, die zwar nicht ausschließlich, aber häufig sagen, dass sie vor allem richtig gut unterhalten werden und in andere Welten abtauchen möchten. Es ist toll, dass solche Bücher dadurch auch eine Stimme bekommen.


Lesen Sie auch in Ihrer Freizeit Blogs und holen sich dort Buchtipps?

In meinem Job bin ich so viel auf Jugendbuchblogs unterwegs, so dass ich in meiner Freizeit einfach gerne nur Bücher lese, und da gerne auch mal „todernste Erwachsenen-Literatur“. Mir fehlt mit Kind und Job leider die Zeit, all das zu lesen, was mir empfohlen wird, und daher folge ich oft einfach Empfehlungen von Freunden, die nicht mit Jugendbüchern arbeiten. Ich fände es aber toll, einen Blog zu finden, der genau meinem Lesegeschmack entspricht.


Was ist Ihr momentanes Lieblingsbuch aus dem Verlag?

„Ein anderes Paradies“ von Chelsey Philpot ist ein tolles Buch, weil es der Autorin gelingt, einen tiefen Einblick in die Welt der Reichen und Schönen zu gewähren – eine Welt, die glitzert und zugleich brüchig und tragisch ist. Empfehlen kann ich auch sehr „Für Freiheit, Kunst und Mayonnaise“ von Kate Hattemer, das unterhaltsam Kunstbetrieb und Gesellschaft kritisiert und zugleich eine Liebesgeschichte ist.

Vielen Dank Frau Schenck für Ihre Zeit und Antworten! 🙂

Habt ihr durch das Interview neue Aspekte einer guten Zusammenarbeit zwischen Verlag und Blogger ausmachen können? Was bedeutet für EUCH eine gute Zusammenarbeit?

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