Ich und die Menschen – Matt Haig

von Deborah von mirgetreu

Andrew Martin ist ein berühmter Wissenschaftler und Professor der Mathematik an der Cambridge Universität. Von dem Vorsatz getrieben, die Riemannsche Vermutung zu lösen und der Menschheit damit zu einem großen Entwicklungssprung zu verhelfen, verliert er die wesentlichen Dinge des Lebens völlig aus den Augen. Seine Frau und Sohn leiden unter der Abwesenheit des ständig schwer beschäftigten Andrews, der nur noch für seine Forschung zu leben scheint – bis er eines Tages nackt am Rande einer Autobahn entlangwandert. Jedoch ist er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr er selbst, denn ein übernatürliches Wesen hat von seinem Körper Besitz ergriffen mit dem Auftrag, jegliche Arbeit und Mitwissende von Andrews Lösung der Riemannschen Vermutung, auszulöschen. Menschen sind in den Augen der außerirdischen Wesen nicht nur besonders ekelhaft anzusehen, sondern auch geistig minderbemittelt und von Hass getrieben. Ein leichtes also, alle Beweise zu vernichten. Doch schon nach kurzer Zeit merkt das Wesen in Andrews Körper, dass die Menschen doch ganz anders zu sein scheinen als all das, was sie alle bisher vermutet hatten und beschließt noch etwas länger zu bleiben.

Ich und die Menschen

„Ich und die Menschen“ von Matt Haig ist eine meiner größten Überraschungen des Jahres 2018. Dieser Roman stand schon etwas länger ungelesen in meinem Bücherregal, ich konnte mich jedoch bis zum Jahresende nicht dazu durchringen hineinzulesen. Hätte ich es nur viel früher getan! Nach ein paar Seiten musste ich bereits das erste Mal innehalten und laut daraus vorlesen. So witzig und treffend waren die Beobachtungen des hochintelligenten Aliens, das sich über die Spezies der Menschen aussprach. Es analysiert nüchtern, wie für einen wissenschaftlichen Bericht, die für ihn unverständliche und konfuse Namensgebungen von Tier und Mensch, probiert angewidert Lebensmittel aus und versucht in fast schon poetischer Art und Weise das Wunder des Lebens mit mathematischer Genauigkeit festzuhalten. Dass Andrews Privatleben sich zudem als Katastrophe herausstellt, in dem sich das Wesen in höchst amüsanter Art und Weise zurechtfinden muss, um nicht aufzufallen und somit die Mission zu gefährden, ist nur eine der vielen Hürden, die ihm auf der Erde begegnen.

“Sie lachte, und ihr Lachen war das Gegenteil ihrer Stimme. Es war ein Lachen, das in mir den Wunsch weckte, es gäbe keine Luft, durch die die manischen Schallwellen aus ihrer Kehle an meine Ohren dringen konnte.” (S. 57)

Das Wesen berichtet von seinen Beobachtungen mit trockenen Humor und stellt Dinge fest, die für unsereins durchaus als normal zu betrachten sind. Seine Art hält die Menschheit für einen lieblosen, gewaltsamen, gierigen und noch dazu sehr dummen Zellhaufen, der tunlichst davon abgehalten werden sollte durch die Lösung der Riemannschen Vermutung weitere wissenschaftliche Erkenntnisse zu erlangen. Dass es jedoch stückweise die wahre Natur der Menschen kennen und schätzen lernt, hätte es wohl selbst nicht zu glauben gewagt. Es wächst immer mehr in die Rolle des Familienvaters Andrew hinein, fängt an sich für die Gedanken und Gefühlswelt von Andrews Frau Isobel zu interessieren und macht sich Sorgen um den gemeinsamen Sohn Gulliver. Selbst dem besten Freund des Menschen, dem Familienhund, kann er nach und nach etwas abgewinnen. Es lernt, was es bedeutet ein menschliches Lebewesen zu sein, was es bedeutet Schmerz und Liebe zu spüren, die eigene Sterblichkeit ständig vor Augen. Bald ist es sich gar nicht mehr so sicher, ob die Menschen bisher nicht maßlos von den Aliens unterschätzt wurden und trifft eine schwerwiegende Entscheidung.

Ich und die Menschen

Fazit

Obwohl mich die Alien-Thematik zunächst abschreckte – das ist normalerweise so gar nicht meins – konnte ich das Buch nach kürzester Zeit nicht mehr aus der Hand legen. Denn hier geht es nicht um eine wilde Science Fiction, sondern was hier wirklich zählt, ist die Frage, was es heißt ein Mensch zu sein. Eine wirklich gute Betrachtung der Menschheit von einem Außenstehenden, die einem selbst noch mal vor Augen führt, wie kostbar und wichtig das Leben ist und welches Wunder es ist überhaupt zu existieren. Definitiv nicht das letzte Buch Matt Haigs das ich lesen werde.

Originaltitel: The Humans | Übersetzerin: Sophie Zeitz | Verlag: dtv
Seitenanzahl: 352 | Erscheinungsdatum: 08.2015

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