Im Hause Longbourn – Jo Baker

von Deborah von mirgetreu
Im Hause Longbourn

Klappentext

„Ein Millionenpublikum liebt Jane Austens „Stolz und Vorurteil“, ihren berühmten Roman über die Sorgen der Familie Bennet, für die fünf Töchter geeignete Ehemänner zu finden. Doch niemand weiß, was sich in Küche und Stall des Hauses Longbourn abspielt: Hier müht sich die junge Sarah über Wäschebottichen und Töpfen ab. Aber sie hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass das Leben mehr für sie bereithält. Ist die Ankunft des neuen Hausdieners James ein Zeichen? Während Elizabeth Bennet und Mr Darcy von einem Missverständnis ins nächste stolpern, nimmt im Hause Longbourn noch ein ganz anderes Liebesdrama seinen Lauf – denn James hütet ein Geheimnis von großer Sprengkraft. “ (Quelle: Knaus Verlag)

Mein Eindruck

Sarah ist ein Hausmädchen auf Longbourn, dem Familiensitz der berühmten Bennet Familie aus Jane Austens Roman „Stolz und Vorurteil“. Einer ihrer größten Träume ist es in die große weite Welt zu ziehen. Zumindest bis nach London, das nur wenige Kilometer von Longbourn entfernt ist. Doch für Sarah ist so eine Strecke ein Wunschdenken, es sei denn, eine der Herrschaften würde in Betracht ziehen sie mitzunehmen. Bis dahin träumt Sarah von all den schönen Dingen, die sie als einfache Bedienstete und Waisenkind wohl niemals haben wird. Eines Tages tritt jedoch James in ihr Leben, der als Diener auf Longbourn eingestellt wird. Er ist so anders und wirkt durch seine geheimnisvolle Art exotisch und aufregend auf Sarah. Doch James hat mehr zu verbergen, als sie ahnt.

„Es war noch gar nicht so lange her, als eine Mahlzeit für ihn bedeutet hatte, alles zu schlucken, was ihm in die schmutzigen Hände fiel: geklautes Gemüse, von dem noch Stunden später der Dreck zwischen den Zähnen knirschte […]. Trotzdem schob er sich alles so schnell wie möglich in den Mund, denn solange es nicht in seinem Magen war, hatte er es nicht sicher.“ (S.132)

Wer kennt Jane Austens Roman „Stolz und Vorurteil“ nicht? Richtig – ich. Ja, ich muss zugeben, dass dieses wohl gute Stück Literatur bisher an mir vorbeigegangen ist. Zwar habe ich andere Romane Austens gelesen, aber Stolz und Vorurteil kannte ich bisher nur durch die zahlreichen Verfilmungen. Nicht weiter schlimm, dachte ich als ich von „Im Hause Longbourn“ von Jo Baker hörte und es mich sofort ansprach. Denn die Thematik dahinter, ganz unverblümt in das schwere und harte Leben der Bediensteten eines wohlhabenden Hauses zu schauen, interessierte mich dann doch sehr. Schließlich spielen sie in den meisten historischen Romanen nur eine Randrolle und werden vielleicht kurz erwähnt, wenn sie einen Brief in den Raum des Geschehens bringen oder mal den Tee servieren. Doch wie sah das Leben der Diener in Wahrheit aus? Es ist ja nicht vorbei, sobald er wieder aus dem Raume tritt. Tja, diesen Aspekt beleuchtet Baker mit einem detaillierten und einnehmenden Schreibstil, der einen anhand von Zitaten aus „Stolz und Vorurteil“ durch den Roman geleitet. Wer macht sich schließlich Gedanken darüber, dass die Frauen damals auch schon ihre Periode hatten und keine modernen Mittel wie Tampons oder Binden vorhanden waren. Dass das eine große Sauerei war, die natürlich die Bediensteten am Waschtag bereinigen durften, bleibt in historischen Romanen meistens unerwähnt. Was für eine schwere Arbeit es ist, ein einfaches Stück Seife herzustellen und dass dabei erst ein Schwein geschlachtet werden muss, war mir bisher überhaupt nicht bewusst. Als Leser historischer Romane stellt man sich vieles so einfach vor. Man überträgt die Handlung des Romans doch meist in die Selbstverständlichkeit der Gegenwart und so fallen einem diese Kleinigkeiten überhaupt nicht auf. Gerade wegen dieser Punkte bin ich Baker unglaublich dankbar, dass sie mir in dieser Hinsicht ein Stück weit die Augen geöffnet hat und mich beim Lesen der Romane nun etwas weiterdenken lassen wird.

„Manche Menschen können reingewaschen werden. Flecken auf der weißen Weste des Charakters lassen sich entfernen, und selbst wenn für immer ein leichter Schatten bleiben sollte, wird er nur von denen wahrgenommen, die besonders scharfe Augen haben oder bereits von der Existenz des Flecks wissen und bewusst nach ihm suchen.“ (S.384)

Sarah, deren größten Träume und Wünsche wie beispielsweise einmal das kunterbunte Treiben Londons zu erleben oder das entspannte Leben einer wohlhabenden Familie zu leben, wirken auf den ersten Blick total banal. Doch wenn man sich das Leben einer mittellosen Bediensteten zu dieser Zeit vorstellt, deren Lebensinhalt vom Geburtsstand abhängig ist und die niemals in einen anderen Stand kommen wird, egal wie hart sie dafür arbeitet, ist das doch ein Stück weit ernüchternd. Umso mehr freut man sich dann für die Person, wenn sie jemanden trifft, der sich wirklich für sie interessiert. Auch wenn mir die Liebesgeschichte in diesem Roman nicht so zugesagt hat, fand ich sie doch ganz nett. Für mich wäre sie jetzt nicht unbedingt notwendig gewesen, da ich alle anderen Umstände interessant genug fand. Baker schmückt diesen Roman mit wunderbaren und authentischen Charakteren, wie beispielsweise der strengen und doch gutherzigen Haushälterin Mrs. Hill aus, die Sarah mit mütterlichen Ratschlägen zur Seite steht.

Interessanterweise spielt das Geschehen des Romans parallel zu der Geschichte von „Stolz und Vorurteil“. Man bekommt also hautnah mit, wie sich Elisabeth und Darcy annähern oder auch streiten. Wer die Bennet-Schwestern zu den Bällen kutschiert und wer extra wach bleiben muss, um die Damen nach der Veranstaltung wieder zu entkleiden.

Fazit

Ob man „Stolz und Vorurteil“ nun kennt oder nicht. Dieses Buch lässt sich wunderbar eigenständig lesen. Zwar war es manchmal ein Vorteil zu wissen, wie die Umstände der Szene sind und warum sich die Diener in der Szene befinden, allerdings mindert es den Lesefluss in keinem Fall. Obwohl ich eigentlich Fan von Liebesgeschichten bin, sagte mir diese gar nicht zu. Ich langweilte mich unendlich und freute mich, wenn ich Sarah und ihrer Helferin wieder beim Arbeiten „zusehen“ konnte. Es ist auf jeden Fall ein sehr interessanter Einblick in eine Welt, die einem bisher überhaupt nicht so bewusst war, wie sie es eigentlich sollte.

Vielen Dank an den Knaus Verlag für die Bereitsstellung dieses Exemplars!

Original Titel: Longbourn | Verlag: Knaus Verlag | Format: Hardcover | Seitenanzahl: 448 | ISBN: 978-3-8135-0616-7 Erscheinungsdatum: 09.2014

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