Lieber Daddy Long Legs – Jean Webster

von Deborah von mirgetreu
Lieber Daddy Long Legs

Jerusha „Judy“ Abbott ist mit ihren 17 Jahren die älteste Waise im Waisenhaus. Ihre Begabung für das Schreiben von Geschichten macht einen der Gönner des Waisenhauses auf sie aufmerksam, der sie fördern und aufs College schicken möchte, um aus ihr eine Schriftstellerin zu machen. Die einzige Bedingung, die er an sie stellt, ist ihm monatlich einen Brief zu schreiben und ihren Fortschritt zu schildern. In lebhaft erzählten und mit kleinen Zeichnungen versehenen Briefen erzählt sie von Ihrem Leben am College, ihren Freundinnen und Erkenntnissen und auch von anderen Bekanntschaften, die immer mehr Platz in ihren Briefen an „Daddy Long-Legs“ einnehmen.

Eher zufällig zog ich „Lieber Daddy Long Legs“ von Jean Webster in einem Buchladen aus dem Regal. Nicht nur der schmucke Buchrücken hatte mich neugierig gemacht, sondern auch, dass von diesem Buch gleich mehrere Versionen im Regal standen. Der Klappentext las sich sehr interessant und wer schon länger auf meinem Blog mitliest, weiß, dass ich eine große Schwäche für Romane des 19. und 20. Jahrhunderts hege. Nachdem ich mich für die wunderschöne Königskind Version entschieden hatte, musste das Buch gar nicht lange auf dem Stapel ungelesener Bücher verweilen, bis ich es endlich eines Samstagabends mit aufs Sofa nahm. Das sollte ein längerer Abend werden, denn die Geschichte rund um die junge Judy zog mich voll und ganz in ihren Bann.

Lieber Daddy Long Legs

“Ich finde, jeder Mensch, wie viele Kümmernisse er auch erleiden muss, sollte dennoch auf eine glückliche Kindheit zurückblicken können. Und falls ich selbst jemals Kinder habe, werde ich – selbst wenn ich zutiefst unglücklich bin – nicht zulassen, dass sie irgendwelche Sorgen haben, bis sie groß geworden sind.” (S. 132)

Erst Stunden später, mitten in der Nacht, schlug ich glücklich seufzend das Buch zu und recherchierte erst mal zur Autorin und dem Buch an sich. Der Klassiker soll schon seit Generationen junge Leser begeistern – was ich voll und ganz, selbst als nicht mehr ganz so junge Leserin, nachvollziehen kann. Auch jetzt begleiten mich Judy und Daddy Long-Legs noch in meinen Gedanken und lassen mich in der romantisierten Vorstellung einer unschuldig, witzigen Liebe vor dem Hintergrund eines eher traurigen Umstandes schwelgen. Die junge Waise erzählt in ihren Briefen von ihrem Leben vor dem College und welchen Einfluss ihre Erlebnisse im Waisenhaus auf ihr jetziges Leben nehmen. Was es heißt, dankbar zu sein oder Glück zu empfinden, welches sie als solches erst durch Daddy Long-Legs erfahren hat. Aber auch das Leben am College wird mit witzigen Anekdoten erzählt. Geschickt flicht sie gewonnene Lebensweisheiten in ihre Erzählungen mit ein und scheint mit jedem Brief erwachsener und reifer zu werden. Auch wenn Judys Briefe einseitig sind, da Daddy Long-Legs niemals antwortet, stört dies zu keinem Zeitpunkt den Lesefluss. Die Protagonistin überzeugte sofort mit ihrer sympathischen, mutigen und kecken Art, sodass schon nach wenigen Seiten klar war, dass mir dieses Buch mit seiner einzigartigen Charaktergestaltung noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Vor dem Hintergrund, dass die Geschichte an sich schon 1912 verfasst worden ist, empfand ich die Einstellung Judys zum Thema Gleichberechtigung umso interessanter. Frauen sollten Rechte haben und die Männer sollten, wenn es so weit wäre, aufpassen, dass sie ihre dann auch behalten dürfen.

Lieber Daddy Long Legs

Fazit

Ein interessanter, wirklich liebevoller Roman, der mit einer tollen, neugierigen und aufgeschlossener Protagonistin von sich überzeugt und für einen kurzweiligen Leseabend bestens geeignet ist. Ein Buch, das ich gerne schon in meiner Jugend entdeckt und geliebt hätte.

Originaltitel: Daddy-Long-Legs | Übersetzer: Ingo Herzke | Verlag: carlsen
Seitenanzahl: 256 | Erscheinungsdatum: 2017 (erstmals erschienen 1912)

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