Liebten wir – Nina Blazon

von Deborah von mirgetreu
Liebten wir

Klappentext

„Verstohlene Blicke, versteckte Gesten, die Abgründe hinter lächelnden Mündern: Fotografin Mo sieht durch ihre Linse alles. Wenn sie der Welt ohne den Filter ihrer Kamera begegnen soll, wird es kompliziert. Mit ihrer Schwester hat sie sich zerstritten, von ihrem Vater entfremdet. Umso mehr freut sich Mo auf das Familienfest ihres Freundes Leon. Doch das endet in einer Katastrophe. Mo reicht es. Gemeinsam mit Aino, Leons eigensinniger Großmutter, flieht sie nach Finnland. Eine Reise mit vielen Umwegen für die beiden grundverschiedenen Frauen. Als Mo in Helsinki Ainos geheime Lebensgeschichte entdeckt, ist sie selbst ein anderer Mensch.“ (Quelle: Ullstein)

Mein Eindruck

Moira ist eine Fotografin mit dem besonderen Blick fürs Detail. All die Kleinigkeiten und selbstverständlichen Gesten versteht sie mit Leichtigkeit zu deuten und zu durchschauen. Doch als sie sich nach einer Familienfeier auf der Flucht mit Aino, der Großmutter von Moiras Freund, im Auto befindet und ihren Ängsten und verdrängten Gedanken in die Augen sehen muss, merkt sie bald, dass es auch ein Leben außerhalb ihrer Kameralinse gibt. Aino hingegen hat es sich zum Ziel gesetzt, noch einmal in ihre Heimat Helsinki zu reisen und herauszufinden, was damals im Zweiten Weltkrieg wirklich mit ihren Liebsten geschehen ist. Eine spannende Reise in die Vergangenheit beginnt.

„Für einen Moment wird mir bewusst, wie fragil mein Leben ist, ein Gespinst aus zerbrechlichen Worten. Eine Glasfläche über einem Abgrund, die jederzeit brechen kann.“ (S. 35)

Liebten wir

Nina Blazon ist mir bisher eher durch ihre Jugendbücher bekannt gewesen, die ich fast alle in meinem Bücherregal stehen habe. Ihre Fantasie und Art des Geschichtenerzählens habe ich schnell ins Herz schließen können, somit ist es nicht verwunderlich, dass auch ihr Belletristikdebüt ein Volltreffer war. Den Einstieg in das Buch findet man spielend leicht und möchte spätestens, nachdem Moira mit Aino unterwegs ist, mehr von dieser zauberhaften und doch zugleich melancholischen Geschichte wissen. Zwei schräge Charaktere, die zwar auf den ersten Blick keine Gemeinsamkeiten zu haben scheinen, dennoch beide vom Leben gezeichnet und gebrochen wurden. Moira ist allein auf der Welt – zumindest ihrer Gefühlslage nach zu urteilen. In Wahrheit hat sie noch eine Schwester, die sich nicht für sie interessiert und einen Vater, für den sie schon lange gestorben ist. Ihr sehnlichster Wunsch nach einer Familie blieb ihr lange Zeit verwehrt und doch schöpft sie Hoffnung, als sie Leon kennenlernt und herausfindet, dass er eine große Familie hat. Endlich hat sie die Chance Teil eines Ganzen zu werden. Doch dies wird schon in dem Moment getrübt, als die beiden auf dem Weg zur Familienfeier, Leons Großmutter Aino aus dem Altersheim abholen. Die mies gelaunte, ziemlich verschrobene Dame scheint Moira zu hassen und auch sonst ist sie nicht gerade über das Familienzusammentreffen erheitert. Als es auf der Feier zu einem Eklat kommt, flüchtet Moira mit dem Auto und nimmt ungewollt die alte Dame mit. Als diese sie praktisch dazu zwingt, mit ihr nach Finnland zu fahren, um eine besondere Ausstellung zu besuchen, ist das Durcheinander perfekt. Doch an dieser Stelle startet die Geschichte erst so wirklich. Aino möchte, wohl wissend, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt, ein Geheimnis lüften, das so viele Jahre im Verborgenen blieb.

„Andererseits weiß ich sehr wohl, wie leicht man sich täuschen kann, wenn man fest entschlossen ist, etwas Bestimmtes zu sehen. Ähnlichkeiten kann man immer finden. Vorausgesetzt, man will es verzweifelt genug.“ (S.309)

Das Tolle an diesem Buch waren nicht nur die überaus detaillierten und tiefgründigen Charaktere – nein. Es war auch, dass man so nah am Geschriebenen dran war, dass man das Gefühl hatte, WIRKLICH etwas erlebt zu haben. Nach 100 Seiten dachte ich mir: “Wow! Aus dem bisher Gewesenen machen manch andere Autoren ein ganzes Buch!“. Es kommt immer mehr und mehr und es ist einfach unglaublich, wie viele Details und wunderbare Gedanken in diesen Seiten stecken. Ich habe persönlich einiges aus diesem Buch mitnehmen können, Aussagen, die mich tief berührt haben und mir in Zukunft auch als Mantra dienen werden. Ganz verzaubert von diesem Buch habe ich hinterher erst mal etwas zu Finnland recherchiert und bin dabei Moira und Aino noch mal ganz nah gewesen. Toll sind auch die vielen finnischen Begriffe, die das Ganze noch viel realistischer erscheinen ließen!

Liebten wir

Fazit

Ein Buch, das einem unter die Haut geht. Eine spezielle Geschichte, die zeigt wie wichtig es ist, die Momente im Jetzt zu genießen und zu wahren, da sie es sind, an die man sich später erinnern und herbeisehnen wird. Etwas ganz Besonderes, das aber unter Umständen nicht jeden Geschmack trifft!

Original Titel: Liebten wir | Verlag: Ullstein | Format: Taschenbuch | Seitenanzahl: 560 | ISBN: 978-3548285771
Erscheinungsdatum: 06.2015

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