Nur wer fällt, lernt fliegen – Anna Gavalda

von Deborah von mirgetreu
Nur wer fällt lernt fliegen

Klappentext

“Billie und Franck sind beim Bergwandern in Frankreich in eine Felsspalte gestürzt. Während er bewusstlos in ihren Armen liegt, versucht sie mit aller Kraft wach zu bleiben und erzählt ihre Geschichte: Sie, Billie, wuchs in einer Wohnwagensiedlung auf, er, Franck, lag wegen seiner Homosexualität im ständigen Clinch mit seinem bürgerlich-reaktionären Vater. Nichts scheint die beiden zu verbinden, bis sie zwei Hauptrollen im Schultheater bekommen. Trotzdem spricht alles gegen ein Happy End: Sie bleibt sitzen, er muss ins Internat, es folgen Abstürze und Schicksalsschläge. Aber Billie und Franck geben nicht auf. In Paris finden sie sich wieder – und Billie stellt ihr Leben auf Reset. Dann wird das Glück schon kommen.” (Quelle: Hanser)

Mein Eindruck

Billies Leben war nicht immer einfach. Besonders in diesem Moment, in dem sie mit ihrem besten Freund Franck in einer Felsspalte in den französischen Cevennen festsitzt und um ihr Leben bangt. Billies aussichtslose Lage bringt sie dazu, einem sehr speziellen Zuhörer – einem Stern – die Geschichte ihrer Freundschaft anzuvertrauen. Während Franck im Delirium schwebt, erzählt Billie wie zwei so unterschiedliche Menschen zueinanderfinden konnten, schwere Zeiten durchmachten und lernten trotz vieler Steine im Weg immer wieder aufzustehen und weiterzumachen.

“Ja, wir hatten uns auf den ersten Blick erkannt, aber nur unbewusst, und waren uns dann jahrelang aus dem Weg gegangen, weil wir spürten, dass jeder von uns schon genug am Hals hatte und wir nicht riskieren konnten, noch ein Milligramm mehr draufzupacken.” (S. 24)

Anna Gavaldas neuster Roman “Nur wer fällt, lernt fliegen” ist etwas ganz Besonderes. Ein Roman voll neu definierter Liebe und der Kunst des Glaubens an wahre Freundschaft. In 197 kurzen Seiten erzählt die verzweifelte Billie von der Liebe zu ihrem besten Freund Franck. Beide hatten es in ihrem Leben nicht leicht: Billies Familie, bestehend aus ihrem Vater und ihrer Stiefmutter, wohnt in einer verpönten Wohnwagensiedlung, was Billie in der Schule den Titel “Zigeunerin” einbringt. Hinzu kommt, dass sie besonders von ihrer Stiefmutter seelisch und physisch misshandelt wird. Sie hasst die Schule und wird von ihren Mitschülern, aufgrund ihrer Armut und Andersartigkeit ausgegrenzt. Eines Tages jedoch soll sie zusammen mit ihrem Mitschüler Franck die Hauptrolle in einer Theaterszene übernehmen. Franck ist durch seine Homosexualität ebenfalls ein Außenseiter und leidet unter seinem idealistischen Vater. Trotz aller Differenzen treffen sich die beiden in den Osterferien um ihre Rollen einzuüben und entdecken, neben Gemeinsamkeiten auch die Bedeutung von Anerkennung und Verständnis. Billie schildert die aufkeimende Freundschaft aus ihrer Sicht mit vielen Ellipsen und kurzen Sätzen. Ihre Erzählweise ist dabei oftmals sehr umgangssprachlich und vulgär, was am Anfang sehr abschreckend wirkt. Billies chaotische, sonderbare Art führt dazu, dass viele Gedankengänge von ihr begonnen und nicht zu Ende gedacht werden. Es werden Sätze angefangen und dann mit Auslassungspunkten abgebrochen. Es hat etwas Hektisches an sich, dass die Geschichte allerdings, sofern man den Einstieg einmal gefunden hat, sehr authentisch wirken lässt. Es fiel mir am Anfang wirklich schwer, mehrere Seiten am Stück konstant und mit voller Konzentration durchzulesen. Doch nach einigen Seiten kann man Billies Art immer mehr nachvollziehen und sich der Geschichte besser hingeben, als am Anfang.

“Die Liebe gibt es nur ganz oder gar nicht. Denn man SPIELT NICHT mit der Liebe. Schluss. Aus.” (S. 55)

Obwohl Billie zu Beginn noch eine recht unsympathische Art an den Tag legt, gewinnt sie im Verlauf der Geschichte immer mehr an Persönlichkeit und Charakter. Die Freundschaft zu Franck macht sie zu einem vollständigen Menschen, der zum ersten Mal in seinem Leben Wertschätzung erfährt. Franck bildet Billies Gegenpart, er ist gebildet, interessiert sich für Kultur und ist im Gegensatz zu der aufbrausenden Billie, ein ruhiger Mensch. Er verurteilt sie nicht wegen ihrer Herkunft und Charakterart, sondern achtet und respektiert sie. Diese Basis verhilft den Beiden zu einer wahren Freundschaft, die ihnen viel Halt gibt und ohne die sie verloren wären. Anna Gavalda zeigt in diesem Roman, wie wichtig es ist nach etwas Gescheitertem nicht aufzugeben, sondern es immer wieder neu zu versuchen. Wie wichtig wahre Freundschaft ist und wie sehr sie uns dabei hilft, uns zu vervollständigen und dabei zu einem besseren “ich” zu werden.

Fazit

Trotz eines schwierigen Einstieges bei dem viel Durchhaltevermögen gefragt ist, eine Geschichte zweier sehr sonderbaren Persönlichkeiten, die die wahre, nicht an die Anatomie des Menschen gebundene Liebe finden und trotz aller Steine auf ihrem Weg, es immer wieder schaffen neu aufzustehen und weiterzumachen. Sicherlich kein Roman für jedermann.

Vielen Dank an den Hanser Verlag für die Bereitsstellung dieses Exemplars!

Original Titel: Billie | Verlag: Hanser | Übersetzerin: Ina Kronenberger | Format: Hardcover | Seitenanzahl: 192
ISBN: 978-3446245952 | Erscheinungsdatum: 07.2014

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