Romeo & Romy – Andreas Izquierdo

von Deborah von mirgetreu
Romeo & Romy

Klappentext

„Romy könnte eine große Schauspielerin sein, aber niemand sieht sie, denn sie ist nur die Souffleuse. Aber auch das nicht lange, denn nach einem harmlosen Flirt mit Hauptdarsteller Ben, dessen einzige schauspielerische Glanzleistung sein Auftritt als »Frischedoktor« in einem Waschmittelspot ist, wird sie gefeuert. Und Ben kurz nach ihr. Romy kehrt zurück in ihr winziges Dorf, um dort ihr Erbe anzutreten. Hier leben nur noch Alte. Und die haben sich in den Kopf gesetzt, rasch das Zeitliche zu segnen, denn auf dem Friedhof sind nur noch zwei Plätze frei. Wer da zu spät kommt, muss auf den Friedhof ins Nachbardorf. Und da gibt es – wie jeder weiß – nur Idioten. Romy schmiedet einen tollkühnen Plan: Sie will mit den Alten ein elisabethanisches Theater bauen. Aus der gammeligen Scheune hinter ihrem Hof. Und mit ihnen Romeo und Julia auf die Bühne bringen. Sie haben kein Geld, keine Erfahrung, aber einen Star: Der »Frischedoktor« soll Regie führen! Ben ist begeistert: Regisseur! Das könnte unter Umständen der erste Job werden, den er nicht voll gegen die Wand fährt … “ (Quelle: insel taschenbuch)

Mein Eindruck

Romy ist diejenige, die man niemals sieht und doch Großartiges leistet. Sie ist die, die am unteren Rand der Bühne in einem kleinen Räumchen bei wenig Licht sitzt und den Schauspielern auf der Bühne aus jedem noch so großen Texthänger heraushilft. Normalerweise. Denn als sie fälschlicherweise während der Aufführung von Romeo & Julia die Nachricht zugesteckt bekommt, dass ihre geliebte Oma Lene verstorben ist, ist sie sprachlos und am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Und so nimmt sie nicht die verzweifelten Blicke des Romeos wahr, der vor lauter Nervosität seinen Einsatz verpasst und die gesamte Vorstellung in einem Desaster enden lässt. Dass Romy danach ihre Koffer packen darf, ist klar. Als sie in ihrem Heimatdörfchen im Erzgebirge aufschlägt, muss sie mit erschrecken feststellen, dass ihre Oma keines natürlichen Todes starb, sondern sich das Leben genommen hat, um eines der letzten drei Gräber in ihrem Dorf zu bekommen. In dem idyllischen Dörfchen wohnen nur noch ältere Menschen, und diese wollen schließlich auch dort beerdigt werden, wo sie ihr ganzes Leben verbracht haben. Dass nun ein Wettkampf darum beginnt, wer schneller zufällig das Zeitliche segnet, macht Romy fassungslos; und da sie diesen tristen Alltag der „Alten“ so nicht akzeptieren möchte, kommt sie eines Tages auf eine Idee, die das Leben vieler dauerhaft verändern wird.

Romeo & Romy

Auf den ersten Blick klingt dieses Buch doch ziemlich verschroben oder? Ist es auch. Und auf eine so charmante und süße aber auch gleichzeitig traurige Art und Weise, die mich auch jetzt, einige Zeit nach dem Lesen noch beschäftigt. Für mich ist dieses Buch das Erste aus der Feder von Andreas Izquierdo, obgleich ich schon vieles von „Der Club der Traumtänzer“ gehört habe. Viel Gutes aber auch Meinungen, die eher negativ ausgefallen sind. Ich glaube, dass man die Art des Schreibens und Erzählens dieses Autors einfach mögen muss – das verhält sich wohl genauso wie mit John Green, den einige, mir eingeschlossen, so gar nicht lesen mögen. Mir hat die Art, wie Herr Izquierdo beschreibt und es schafft, so viele verschiedene Gefühle fast gleichzeitig zu wecken, unheimlich gefallen. Auf der einen Seite möchte man noch vor lauter Emotionen weinen, auf der nächsten kommt dann wieder Ben (alias Romeo) um die Ecke und haut mit seiner, manchmal schon etwas unbeholfenen aber gleichzeitig auch machohaften Art, wieder die derbsten Sprüche raus.

„Heimat war nicht das, was man sah, sondern das, was andere niemals sehen würden.“ (S. 35)

Romeo & Romy

Ich glaube das ist, was dieses Buch ausmacht. Die vielen verschiedenen Facetten, die auf so eine wundersame Art miteinander verstrickt sind. Es folgen tieftraurige Momente auf total süße, herzzerreißende Szenen, die von Humor und Skurrilität nur so strotzen. Komische Kombination, oder? Aber in diesem Buch funktioniert es einfach. Die „Alten“ waren einfach nur zum an die Brust drücken und deren Willen, unbedingt das letzte Grab in ihrem Heimatdorf zu ergattern, fast schon bewundernswert. Denn wer möchte nicht dort beerdigt werden, wo er sein ganzes Leben verbracht hat? Zwar gibt es im Nachbardorf noch genug Platz, aber das ist schließlich nicht dasselbe. Mitzubekommen, wie die Alten auf jede erdenkliche Weise versuchen, sich das Leben zu nehmen, sei es beim Fenster putzen zufällig herauszufallen, oder jeden Tag aufs Neue versuchen Überfahren zu werden (aber nur von einem Freund – von Fremden bitte schön nicht!), ist ganz schön traurig und lustig zugleich, da es die Ernsthaftigkeit des Sterbens auf komische Art und Weise herunterspielt. Romy war als Protagonistin sehr glaubwürdig und ich konnte mich sofort in sie hinein fühlen. Seien es die Schicksalsschläge die sie erlebt, oder die positiven Dinge – Romy ist sympathisch und der Ehrgeiz ihren Traum zu erfüllen beneidenswert.

Fazit

Ein Roman, der mich sämtliche Gefühlslagen miterleben ließ und dennoch so sympathisch und herzerwärmend geschrieben ist, dass mir die Bewohner von Großzerlitsch noch sehr lange im Gedächtnis bleiben werden. Als großer Theaterfan kam ich natürlich auf meine Kosten und durfte praktisch live den Bau eines elisabethanischen Theaters miterleben und welche realistischen Hürden da auf einen zukommen. Auch hier wieder ein großer Pluspunkt für die Glaubwürdigkeit des Romans. Für Liebhaber etwas außergewöhnlicher Geschichten mit Herz, sehr lesenswert!

Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag für die Bereitstellung dieses Exemplars!

Verlag: insel taschenbuch | Format: Klappenbroschur | Seitenanzahl: 491 | ISBN: 978-3-458-36141-1
Erscheinungsdatum: 04.2016

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