Was fehlt, wenn ich verschwunden bin – Lilly Lindner

von Deborah von mirgetreu
Was fehlt wenn ich verschwunden bin

Klappentext

“April ist fort. Seit Wochen kämpft sie in einer Klinik gegen ihre Magersucht an. Und seit Wochen antwortet sie nicht auf die Briefe, die ihre Schwester Phoebe ihr schreibt. Wann wird April endlich wieder nach Hause kommen? Warum antwortet sie ihr nicht? Phoebe hat tausend Fragen. Doch ihre Eltern schweigen hilflos und geben Phoebe keine Möglichkeit, zu begreifen, was ihrer Schwester fehlt. Aber sie versteht, wie unendlich traurig April ist. Und so schreibt sie ihr Briefe. Wort für Wort in die Stille hinein, die April hinterlassen hat.” (Quelle: Fischer Verlag)

Mein Eindruck

Normalerweise würde ich an dieser Stelle erst einmal die Handlung aus meiner Sicht schildern. Doch dies gestaltet sich bei diesem Roman mehr als schwierig, da die Worte für dieses Buch nur schwer zu erfassen sind. Phoebe ist ein hochbegabtes 9-jähriges Mädchen und schreibt fast täglich Briefe an ihre große Schwester April, die wegen einer schweren Magersucht in der Klinik liegt. Obwohl Phoebes Briefe unbeantwortet bleiben, hindert sie dieser Umstand nicht daran, ihrer Schwester ihre Ängste, Sorgen und Ansichten über ihren Alltag und Mitmenschen mitzuteilen. So bleibt Phoebe einsam und alleine mit der Sehnsucht nach ihrer großen Schwester April und wünscht sich nichts mehr, als sie bald wieder in ihre Arme schließen zu können.

“Ich glaube, es gibt bei Erwachsenen immer wieder Momente, in denen die sich fragen, warum sie all die Dinge tun, die sie tun. Und dann überlegen sie ganz heftig, was sie stattdessen machen könnten. Sie kriegen Migräne. Sie nehmen Tabletten. Und am Ende machen sie dann doch das Gleiche, was sie auch schon vor dem Nachdenken getan haben.” (S.55)

Was fehlt wenn ich verschwunden bin

Autorin Lilly Lindner schreibt in diesem Briefroman, den sie laut eigenen Angaben innerhalb 3 Tage geschrieben hat, über zwei Schwestern, die sich so nah stehen, als wären sie beide jeweils die eine Hälfte der anderen. Obwohl der Roman, aufgeteilt in zwei Teile, ausschließlich aus Briefen besteht, fesselt Lindner mit ihrem außergewöhnlichen und wortgewaltigen Schreibstil von der ersten Seite an. Phoebe holt einen direkt auf der ersten Seite ab und weicht einem nicht mehr so schnell von der Seite. Sie schreibt sich mit ihren Briefen tief in das Herz jedes Einzelnen und zeichnet mit ihrer überaus starken Auffassungsgabe ein Bild von der endlosen Liebe zu ihrer Schwester und einer zerrütteten Familie. Sie lässt einen nicht mehr los. Auch Tage nach dem Lesen ist mir Phoebe immer noch allgegenwärtig. Ich denke mit einem Seufzen an diesen Roman zurück und frage mich wie ein kleines Mädchen so viel mehr von der Welt verstehen kann als die meisten Erwachsenen. Dieser Roman ist nicht einfach, aber welcher Roman der von einer Krankheit berichtet, ist das schon? Durch Phoebes Kinderaugen erlebt man den körperlichen Verfall einer 16-Jährigen, deren einziger Fehler es war, zu intelligent zu sein und zu viel Lebensfreude auszustrahlen. Die fehlende Akzeptanz von Eltern und Mitmenschen, die viel zu egoistisch für eine zerbrechliche junge Seele waren und deren Ignoranz sie bis aufs äußerste auszehrten. Nicht nur einmal saß ich da und musste kopfschüttelnd über so viel Grausamkeit und Ungerechtigkeit das Buch zur Seite legen und das Gelesene etwas sacken lassen.

“(…) manchmal sind wir Menschen nicht so, wie wir auf den ersten Anblick erscheinen. Und manchmal sehen wir nur das, was wir gerade sehen wollen. Es kommt auch vor, dass wir Menschen lediglich das von uns zeigen, was wir gerade bereit sind zu teilen. Alles andere verstecken wir.” (S. 363)

Noch nie habe ich so viele Stellen markiert, die mir direkt aus dem Herzen zu sprechen schienen. Überall, durch jede noch so simple Anreihung von Worten, strömt mir wahre und ehrliche Geschwisterliebe entgegen. Mir kamen so oft die Tränen, da ich an meine kleine Schwester denken musste, und darüber wegen welch banaler Dinge man sich manchmal in den Haaren liegt. Dieser Roman hat mich traurig und glücklich zugleich gemacht und das Erste was ich nach dem Lesen gemacht habe, war meiner kleinen Schwester zu schreiben, wie sehr ich sie liebe.*

Fazit

Eine Liebeserklärung an das geschriebene Wort und die Geschwisterliebe. Und eine kleine Erinnerung daran, wofür man sich im Leben glücklich schätzen sollte. Taschentuchgarantie und definitiv eine geistige Bereicherung.

*Die Antwort darauf war übrigens: Was ist los?

Vielen Dank an Lovelybooks und den Fischer Verlag für die Bereitsstellung dieses Exemplars!

Original Titel: Was fehlt, wenn ich verschwunden bin | Verlag: Fischer | Format: Taschenbuch | Seitenanzahl: 400
ISBN: 978-3-7335-0093-1 | Erscheinungsdatum: 02.2015

0 Kommentar
0

Mehr?

Einen Kommentar hinterlassen

* By using this form you agree with the storage and handling of your data by this website.

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Seite erklären Sie sich damit einverstanden. Weitere Informationen können Sie der Datenschutzerklärung entnehmen. Ich stimme zu Datenschutzerklärung