Wer Schatten küsst – Marc Levy

von Deborah von mirgetreu
Wer Schatten küsst

Klappentext

“Als Kind stiehlt er die Schatten derer, die seinen Weg kreuzen – Freunde, Feinde und seine erste Liebe. Und erhält so Einblick in ihre Träume, Wünsche und Sorgen. Was soll er aber mit dieser Gabe anfangen, die ihn so verwirrt? Jahre später ist aus dem Schattendieb ein Arzt geworden. Hat er immer noch die Fähigkeit, die Sehnsüchte derer zu erahnen, die ihn umgeben? Erneut wird er mit der Frage konfrontiert: Kann er den Menschen dabei helfen, ihre Träume zu leben, statt ihr Leben zu träumen – und selbst das Glück und die Liebe finden?” (Quelle: Blanvalet)

Mein Eindruck

“Wer Schatten küsst” von Marc Levy ist wie eine kleine, goldene Schatztruhe. Ein Roman voll schöner Zitate, liebevoll gezeichneten Charakteren und einem Hauch von Poesie. Obwohl es mit 256 Seiten doch zu den eher dünneren Büchern in meinem Regal zählt, ist die Seitenzahl genau richtig. Levy dehnt seinen Roman an keiner Stelle zu weit aus, sondern schafft es, dass der Leser sich selbst alles von den Charakteren Unausgesprochene vorstellen kann. So hinterlässt der Roman einen zufrieden und ohne jegliche unerfüllte Erwartungen zurück. Der Schreibstil Levys erweckt von Zeit zu Zeit durch kurze, prägnante und manchmal länger ausschweifende Sätze, das Gefühl, direkt im Kopf des Ich-Erzählers zu stecken. Dieser bleibt übrigens die ganze Geschichte über ohne Namen.

“Vielleicht verhielt es sich mit der Liebe wie mit den Schatten, jemand tritt darauf und nimmt sie mit. Vielleicht ist zu viel Licht gefährlich für die Liebe, oder aber das Gegenteil ist der Fall, und die Liebe verblasst, wenn sie nicht genügend Licht bekommt, bis ihr Schatten ganz verschwunden ist.” (S. 45)

Als Leser begleitet man den Protagonisten durch zwei Etappen seines Lebens. Im ersten Teil des Buches geht es um seine Kindheit bzw. frühe Jugend, in der er es aufgrund seiner schmächtigen Gestalt nicht einfach hat, sich in seine neue Klasse zu integrieren. Er ist ein Außenseiter, der von dem mehrfach sitzen gebliebenem Marquez, schikaniert wird. Dass beide Jungs ein Auge auf ihre Mitschülerin Elisabeth geworfen haben, trägt nicht gerade zu einem besseren Verhältnis zwischen den beiden bei. Eines Tages bemerkt der Erzähler, dass der Schatten, der ihn verfolgt, nicht der Seine zu sein scheint. Es stellt sich heraus, dass er in der Lage ist, die Schatten seiner Mitmenschen zu ‘hören’ und somit ihre Ängste und schlechten Erinnerungen wahrzunehmen. Er beschließt diese unerklärbare Gabe dazu zu nutzen, seinen Mitmenschen und schließlich auch sich selbst zu helfen.

“Eltern altern nur bis zu einem bestimmten Moment, in dem sich ihr Bild in unserer Erinnerung verfestigt. Man muss bloß die Augen schließen und an sie denken, um sie für immer so zu sehen, wie sie waren, als würde die Liebe, die wir ihnen entgegenbringen, die Macht besitzen, die Zeit anzuhalten.” (S. 113)

Der zweite Teil des Buches beschreibt die Studienzeit des Protagonisten. Er ist mittlerweile Student der Medizin und arbeitet bis zu 96 Stunden pro Woche in einem Krankenhaus. Seine Mutter sieht er kaum noch und hat auch den Kontakt zu seinem ehemaligen besten Freund Luc verloren. Einzig und allein seine Kommilitonin Sophie leistet ihm in einsamen Situationen Gesellschaft. Als er bei einem Patienten auf die Hilfe des Schattens angewiesen ist, ist es, als würde er wieder anfangen zu leben. Er besucht seine Mutter und seinen Freund und bald entwickelt sich alles in eine Richtung, von der er nie zu träumen gewagt hätte.

Dieser Roman hat mich berührt und gleichzeitig glücklich gemacht. Tolle Charaktere, eine Geschichte, die von dem Thema “Schatten” nicht beherrscht wird, sondern dies eher als Hintergrundhandlung abspielen lässt und wunderbare Zitate, runden dieses Buch ab.

Fazit

Ein toller Roman für zwischendurch, der einen mit einem Lächeln auf den Lippen zurücklässt. Für verregnete Sonntagnachmittage bestens geeignet!

Original Titel: Le voleur d’ombres | Verlag: Blanvalet | Format: Softcover | Seitenanzahl: 256
ISBN: 978-3442380268 | Erscheinungsdatum: 01.2014

0 Kommentar
0

Mehr?

Einen Kommentar hinterlassen

* By using this form you agree with the storage and handling of your data by this website.

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Seite erklären Sie sich damit einverstanden. Weitere Informationen können Sie der Datenschutzerklärung entnehmen. Ich stimme zu Datenschutzerklärung