Wild Cards – HRSG. George R.R. Martin

von Deborah von mirgetreu
Wildcards

Klappentext

“Seit sich in den Vierzigerjahren das Wild-Card-Virus ausgebreitet hat und Menschen mutieren lässt, gibt es neben den normalen Menschen auch Joker und Asse. Joker weisen lediglich körperliche Veränderungen auf, während Asse besondere Superkräfte besitzen. Da ist zum Beispiel Jonathan Hive, der sich in einen Wespenschwarm verwandeln kann, oder Lohengrin, der eine undurchdringliche Rüstung heraufbeschwört. Doch wer ist Amerikas größter Held? Diese Frage soll American Hero, die neueste Casting Show im Fernsehen, endlich klären. Für die Kandidaten geht es um Ruhm und um so viel Geld, dass sie beinahe zu spät erkennen, was wahre Helden ausmacht.” (Quelle: Penhaligon Verlag)

Mein Eindruck

American Hero ist eine Castingshow der besonderen Art. 28 Personen, die in vier Teams – Pik, Herz, Karo und Kreuz, eingeteilt werden und keine gewöhnlichen Menschen sind. Sie gehören einer Minderheit an, die mit dem Wild Card Virus infiziert wurde. Für die meisten Infizierten endet das Virus tödlich, denn ähnlich wie bei einem Pokerspiel, kann entweder eine Pik Dame gezogen werden, was zum Tod führt, eine Joker Karte, die einen mutieren lässt, oder ein Ass, das einen mit Superkräften ausstattet. Bei American Hero treten die vier Teams in Missionen gegeneinander an und müssen, falls sie die Mission nicht erfolgreich abschließen, immer einen aus ihrer Gruppe herauswählen. Am Ende kann schließlich nur einer American Hero werden und eine Million Dollar gewinnen. Wie von einer typischen Castingshow gewohnt, gibt es auch hier Intrigen, aufkeimende Freundschaften und harten Konkurrenzkampf. Das Ganze wird von vielen Kameras, ganz im Sinne von Big Brother, aufgezeichnet und verweigert den Kandidaten, die in “Teamhäusern” wohnen, jegliche Privatsphäre. Parallel zur Castingshow wird in Ägypten der aktuelle Kalif kaltblütig ermordet und die Schuld einer in Ägypten ansässigen Jokerterrorgruppe zugeschoben. Dies führt bald zu einem internationalen Einsatz, bei dem auch die American Hero Asse eine große Rolle spielen.

“Das Phantomgebilde hat etwas für sich, aber die Realität ruft dir erst so richtig ins Bewusstsein, wie berauschend solche Träume sein können. Ich bin von der Stadt des Überflusses direkt in die Stadt des hoffnungslosen Mangels geraten.” (S. 325)

“Wild Cards” ist ein spezieller Roman. Er wurde von insgesamt 9 Autoren geschrieben, die die Geschichte aus der Perspektive von jeweils einem Charakter erzählen. Obwohl jeder Autor einen anderen Schreibstil hat, fällt dies während dem Lesen kaum auf. Zwar schreibt manch einer flüssiger und einnehmender als ein anderer, aber letztlich ähneln sich die Schreibstile doch sehr. Die Idee hinter diesem Buch fand ich wirklich genial und auch die verschiedenen Fähigkeiten der Asse sind sehr interessant. Obgleich der Sinn der ein oder anderen Fähigkeit fraglich ist, gibt es auch tolle Superkräfte, die von den Charakteren während der Show weiterentwickelt werden. Der Aspekt, dass sich jede Person in seinen Fähigkeiten noch steigern kann und diese nicht fertig entwickelt sind, fand ich besonders bemerkenswert. Die Show an sich wirkte sehr klischeehaft aufgebaut und jeder, der schon einmal eine Castingshow gesehen hat, kann diesen Eindruck sicherlich bestätigen. Es fehlte leider auch eine gewisse Tiefe, die an manchen Stellen etwas Spannung in die Show hätte bringen können. Wie auch im echten Leben sind alle typischen Casting-Stereotypen in “American Hero” vertreten: vom von sich selbst überzeugten Musiker, zur Showschönheit bis zum ruhigen Mädchen von nebenan. Dadurch, dass die Charaktere sich so stark voneinander unterscheiden, entwickelt man als Leser schnell Präferenzen für ein gewisses Team oder eine spezielle Person. Problematisch ist hierbei nur, dass lieb gewonnene Charaktere im nächsten Kapitel nur noch am Rand auftauchen und der Fokus auf einen anderen gesetzt wird. Dies ist in meinen Augen einer der größten Kritikpunkte an diesem Buch. Man lernt einen Charakter samt seiner Hintergrundgeschichte kennen, findet ihn sympathisch und wird im nächsten Kapitel dazu gezwungen einen neuen Charakter von der Pike auf kennenzulernen. Diese stetigen Kennenlernphasen und das Entreißen dieser bekannten Person haben mich und den Lesefluss sehr gestört. Wäre die Geschichte nur aus einer oder maximal zwei Perspektiven erzählt, könnte man sich besser in die Geschichte hineinfinden und über die ein oder andere Länge hinwegsehen.

“Das Problem mit Klischees ist, dass sie in der Wahrheit wurzeln. Wenn du also tief gräbst und kämpfst und dich abrackerst und blutest und gelegentlich vielleicht sogar stirbst, um die Wahrheit zu finden, dann stehst du am Ende manchmal – nicht immer aber manchmal – mit etwas da, das du auch als weisen Spruch auf einer Postkarte hättest kaufen können.” (S.538)

Desweiteren entwickelte sich der Roman in eine von mir nicht erwartete Richtung. Von der etwas oberflächlichen, dennoch unterhaltsamen Castingshow mitten in ein Kriegsgebiet mit Mord und Totschlag. Meine anfängliche Begeisterung für das Buch wich immer mehr der Frage: “Wann ist dieses Buch endlich aus?”. Leider traf das Buch während dieses Handlungsumschwungs gar nicht mehr meinen Geschmack und ich war desöfteren davor es abzubrechen. Ich empfand es wirklich als störend, dass “George R.R. Martin” größer als Titel & Co geschrieben sind. Dieser Umstand suggeriert dem ahnungslosen Käufer sofort, dass es sich um Martins neustes Werk handelt. Erst bei näherem Hinsehen offenbart das kleingedruckte “Herausgegeben von”, dass er nur daran beteiligt war. Wie man dieses Vorgehen bewertet, bleibt jedem Selbst überlassen. Ich finde es allerdings sehr irreführend und schlichtweg werbetreibend. Andererseits glaube ich kaum, dass das Buch dieselbe Resonanz erhalten hätte, wenn einer der anderen 8 an diesem Buch beteiligten Autoren, das Buch veröffentlicht hätte.

Fazit

Ein Buch, das mich sehr zwiegespalten zurücklässt. Eine sehr interessante Idee mit durchschnittlicher Umsetzung, die sich in eine andere Richtung entwickelte, als ich zunächst annahm. Kein Mainstream Buch, das in jedem einen potenziellen Leser finden würde.

Vielen Dank an den Penhaligon Verlag für die Bereitsstellung dieses Exemplars!

Original Titel: Wild Cards – Inside Straight | Verlag: Penhaligon | Format: Softcover
Seitenanzahl: 544 | ISBN: 978-3764531270 | Erscheinungsdatum: 08.2014

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